Frankfurter Allgemeine berichtet: FSP Klassikabteilung ist Profibetrügern auf der Spur

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Seite 35, Ausgabe Nr. 24

Der vollständige Bericht:

Profibetrügern auf der Spur

Vor allem frühe Porsche 911 sind wertvoll. Das reizt Fälscher, weshalb beim Kauf Vorsichtgeboten ist, wie Gäste eines Werkstattabendsin der Frankfurter Klassikstadt lernen konnten.

Wenn Liebhaber bereit sind, für einen seltenen Klassiker des Automobilbaus so viel Geld auszugeben wie andere für ein veritables Eigenheim in ziemlich guter Lage, dann befeuert das immer auch den Fleiß professioneller Betrüger. Wie durchtrieben die Fälscher dabei vorgehen, konnten die Teilnehmer
des ersten Werkstattabends lernen, den die Frankfurter Klassikstadt in Zusammenarbeit mit Glinicke Classic Cars nun veranstaltet hat. Im Mittelpunkt der Premiere stand der Porsche 911 F. Die F-Reihe sind die luftgekühlten Sportwagen aus Zuffenhausen, die zwischen 1963 und 1973 gebaut wurden. Etwa für die Rennsportvariante 911 Carrera RS 2.7 von 1973 werden heute Preise zwischen 600 000 und 900 000 Euro aufgerufen. Das hat etwas damit zu tun, dass nur etwas mehr 1000 gebaut wurden. Geplant waren ursprünglich nur 500, um die Homologation für den Renneinsatz zu erlangen. Doch die Nachfrage war schon damals so groß, dass die Zuffenhausener noch einmal nachlegten. Das Problem für den Sammler heute: Spezialisierte Schrauber sind in der Lage, aus einem gewöhnlichen 911 F Coupé, das vielleicht ein Zehntel der genannten Preise bringen würde, beispielsweise einen 911 RS 2.7 oder eine andere seltene Variante zu bauen, die nur noch Experten mit großem Aufwand als Fälschung identifizieren können. Klassikstadt-Geschäftsführer Titus Schneider stellte den Gästen zwei Experten vor, die genau das beherrschen: Wolfgang Hofstra von Glinicke Classic
Cars und Fabian Ebrecht vom FSP Competence Center, das darauf spezialisiert ist, hochpreisige Oldtimer auf ihre Echtheit zu prüfen. Hofstra präsentierte zwei Porsche 911 F. Im ersten Augenblick ließen beide Autos die Herzen der Gäste höher schlagen, wenngleich der goldfarbene 911 Targa
Gebrauchsspuren zeigte und offenbar einen leichteren, aber schlecht kaschierten Treffer vorne links abbekommen hatte. Das weinrote Coupé, das Hofstra ebenfalls anhob, sah auch bei näherem Hinsehen wie gerade frisch zusammengebaut aus. Kunststück. Der Wagen wurde tatsächlich bei Glinicke komplett zerlegt und restauriert. Das ist auch der Grund, weshalb sein Wert ungefähr 100 000 Euro höher anzusetzen ist als der des goldenen Targas. Der entpuppte sich bei näherer Inspektion nämlich als dilettantisch retuschiertes Restaurierungsobjekt und noch dazu als sicherheitstechnisches Horrorkabinett: Die Stoßdämpfer waren mit selbstgebauten Adaptern so an der Hinterachsaufhängung verschraubt, dass sie an anderen Bauteilen rieben und nicht mehr korrekt arbeiten konnten. Die Folge sei ein völlig unberechenbares Fahrverhalten, wie Hofstra erläuterte. Die satten Öltropfen,
die sich an der Unterseite des Motorblocks sammelten, waren da noch ein harmloser, weil nicht lebensgefährlicher Mangel. Anders die Felgen: Auch sie sahen nur auf den ersten Blick aus wie die begehrten originalen Felgen der Firma Fuchs aus Meinerzhagen. Tatsächlich handelte es sich um minderwertige Nachbauten, die in Deutschland keine TÜV-Zulassung bekämen, weil sie nicht den Sicherheitsanforderungen entsprechen. Alles in allem
das ziemlich verpfuschte Exemplar eines 911 F Targa also. Und trotzdem ein Auto, das auf den ersten Blick so schön ist, dass der Liebhaber Gefahr läuft, heikle Mängel – geblendet vom schönen Blech – nicht zu sehen oder sehen zu wollen.
„So, wie er da steht, dürfte er keine 30 000 Euro kosten“, so Hofstra über den goldenen Targa. Angeboten werden solche Wagen derzeit aber für das Doppelte und mehr. Hofstras Rat: nicht ohne den Rat eines Fachmanns kaufen. Von ganz anderem Kaliber sind die heiklen Occasionen, mit denen es Fabian Ebrecht meistens zu tun hat: Deren Anbieter arbeiten nicht mit plump gefälschten Billigfelgen oder mit lebensgefährlichen Basteleien am Fahrwerk. Es sindPerfektionisten darunter, die beispielsweise altes Originalmaterial verwenden, um ihren Betrug noch besser zu tarnen. Gefälschte Motornummern werden kunstvoll ins Material getrieben. Es gibt Austauschbleche, auf denen im Original die echte Fahrgestellnummer eingeschlagen
ist. Weil man Veränderungen dort leicht nachweisen könnte, wechseln die Profis gerne das ganze Blech aus, wie Ebrecht den staunenden Gästen in der
vollbesetzten Werkstatt berichtete. Angesichts der Professionalität auf der anderen Seite müssen auch Experten wie Ebrecht zu allen möglichen Hilfsmitteln greifen, wenn etwas verdächtig ist. Dazu zählen Säure/Ätz-Analysen, die ausgeschliffene Nummern wieder sichtbar machen können, und die Spektralanalyse, mit der man die Legierung des verbauten Blechs bestimmt, was Rückschlüsse auf das Alter desWerkstoffs zulässt. Geröntgt und mit Ultraschall untersucht wird auch. Eine „lückenlose Historie“ mit Scheckheft und Stempeln garantiert übrigens nichts. Darauf haben sich Fälscher natürlich auch schon spezialisiert. Es bleibt die Erkenntnis: nie ohne Fachmann. Im Vergleich zu den Betrügereien an der Millionengrenze ist selbst eine so bitterböse zusammengeschusterte Schönheit wie jener goldene Targa ein geradezu ehrliches Auto. Jedenfalls eines mit Potential. Und so werden Hofstra und seine Kollegen auch diesen Wagen demontieren und restaurieren, bis er am Ende so schön da steht wie das weinrote Coupé.

Jochen Remmert